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Treten wir ein in eine schöne neue Cyberwelt, hochautomatisiert, effektiv und sicher? Möglich wäre es: Wo früher noch manuell Use Cases für das Security-Information-and-Event-Management (SIEM) abgeleitet wurden, übernimmt nun künstliche Intelligenz (KI) wie selbstverständlich die Analyse von Schwachstellen im Security-Monitoring. Und das Prinzip „Security by Design“ – also das Konzept, Sicherheit von Beginn an in allen Hard- und Softwareprozessen sowie allen Entwicklungen zu berücksichtigen – ist fest in die Abläufe integriert, ebenfalls KI-gesteuert.

Aber nicht alles, was möglich erscheint, ist auch realistisch. Und das hat ebenfalls mit künstlicher Intelligenz zu tun: KI hält zunehmend Einzug in die Steuerung des Geschäftsbetriebs von Banken. Algorithmen und künstliche Intelligenz treffen heute – zum Teil bereits vollautonom – Entscheidungen in Bereichen wie der Fraud Detection, der Risikobewertung und der Kreditvergabe. Aber: Die Technologie fließt eben auch in die Routinen von Angreiferinnen und Angreifern ein. Das ist nicht weniger als der Start einer neuen Epoche in der Cybersicherheit.

Im Ergebnis sehen sich Banken einer neuen Dreifach-Herausforderung gegenüber: Sie müssen KI-gestützte Angriffe abwehren, KI gezielt zur Stärkung ihrer Sicherheitsarchitektur einsetzen und die daraus entstehende zusätzliche Komplexität ihrer IT-Landschaft beherrschen.

Und das parallel zu bestehenden Herausforderungen, denn: KI ist nur einer von mehreren Punkten auf der Cybersicherheitsagenda, andere Themen wie Regulatorik und Cloud bleiben drängend und erfordern ebenfalls Investitionen.

 

Synthetische Stimmen, täuschend echte Deepfakes und Effizienzgewinne

Welche KI-gestützten Angriffe beobachten wir? Da wären zum einen Phishing-Wellen, die mit synthetischen Stimmen, täuschend echten Deepfakes und personalisierten Texten nahezu perfekt echt wirken.

Wie real diese Gefahr ist, zeigte ein aufsehenerregender Fall bereits im Jahr 2024 in Hongkong. Dort wurde ein Mitarbeiter eines internationalen Unternehmens durch einen täuschend echten Deepfake-Videocall dazu gebracht, rund 23 Millionen Euro zu überweisen. Die Betrüger nutzten manipulierte Video- und Stimmsequenzen, um eine vertrauliche Besprechung mit vermeintlichen Vorgesetzten zu simulieren. Ein Vorfall, der weltweit als Weckruf gilt und anschaulich verdeutlicht, dass KI-basierte Manipulationen einen technischen Reifegrad erreicht haben, der selbst erfahrene Organisationen vor neue Herausforderungen stellt.

KI-Tools werden außerdem auch vermehrt für repetitive Aufgaben wie das Scannen auf Schwachstellen und Malware-Optimierung genutzt. So unterschätzen viele Häuser die Dynamik KI-gestützter Angriffswellen – denn KI erhöht Frequenz, Präzision und auch Anpassungsfähigkeit von Cyberangriffen erheblich.

In der aktiven Abwehr werden KI-Tools hingegen noch viel zu wenig genutzt. Während Angreiferinnen und Angreifer Taktiken innerhalb weniger Tage verändern, folgen Reaktionen in Finanzunternehmen häufig auf Basis traditioneller Release-Zyklen und isolierter Cybersecurity-Systeme. Die Hürden: Entscheidungen von KI-Agentinnen und -Agenten müssen überprüfbar, nachvollziehbar und bei Bedarf korrigierbar bleiben. Für Verantwortliche in Banken und Versicherungen ist es entscheidend, die eigene Handlungsfähigkeit jederzeit zu bewahren.

Prompt Injection & Co.: So nutzen Hacker auch die Schwächen der KI

Hinzu treten neue Angriffsformen, die direkt auf die KI-Modelle selbst zielen. Besonders relevant ist dabei die sogenannte Prompt Injection, bei der Angreifer durch manipulierte Eingaben gezielt Steuerungsanweisungen in Sprach- oder Analysemodelle einschleusen. Auf diese Weise können vertrauliche Daten offengelegt oder interne Sicherheitsmechanismen umgangen werden – häufig ohne, dass dies im ersten Moment erkennbar ist.

Eine weitere wachsende Bedrohung ist auch die Model Inversion. Hierbei versuchen Angreifer aus einem trainierten Modell Rückschlüsse auf die zugrunde liegenden Trainingsdaten zu ziehen, um so sensible Informationen zu rekonstruieren.

In der Praxis zeigt sich zunehmend, dass diese Angriffsformen schwerer zu erkennen sind und klassische Kontrollmechanismen häufig erst greifen, wenn bereits Schaden entstanden ist. Zwar entwickeln erste Anbieter spezialisierte KI-Security-Suiten, die auch neuartige Angriffe auf KI-Modelle erkennen sollen, noch gibt es jedoch keine Technologie, die vollständige Immunität gegen solche Manipulationen bietet.

Umso wichtiger ist es, Sicherheitsarchitekturen so zu gestalten, dass sie auch bislang unbekannte Muster identifizieren und in Echtzeit reagieren können. Entscheidend ist dabei, neue Schutzmechanismen in die übergreifende Sicherheitsarchitektur zu integrieren – etwa durch die Einbindung von Prompt-Injection-Erkennung in die Security-Event-Orchestration oder die Entwicklung spezifischer SIEM-Use-Cases für KI-gestützte Systeme. Nur so kann gewährleistet werden, dass neue KI-Komponenten nicht zur Schwachstelle bestehender Sicherheitsstrukturen werden.

Die Cybersecurity-Agenda: viel mehr als nur KI

Die aktuelle Diskussion über Cybersicherheit im Finanzsektor wird maßgeblich durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz geprägt. Doch die eigentliche Herausforderung reicht weiter – denn KI ist nur ein Punkt unter vielen auf der Cybersecurity-Agenda. Sicherheit entsteht nur durch ein umfassendes Verständnis sämtlicher Bedrohungen und Risiken sowie durch das Zusammenspiel aller sicherheitsrelevanten Disziplinen – vom Identity and Access Management (IAM) über Schwachstellenmanagement, Security Operations und Cloud-Absicherung bis hin zum Third-Party-Risk-Management.

Darüber hinaus bleibt die physische Dimension von Sicherheit von hoher Relevanz. Da Mitarbeitende zunehmend ortsunabhängig und mit verschiedenen Endgeräten auf Systeme zugreifen, vergrößern sich die Angriffsflächen erheblich. Damit echte Resilienz entsteht, müssen daher digitale und physische Schutzmaßnahmen ineinandergreifen.

 

Erkennen. Reagieren. Schützen. – in Echtzeit oder gar nicht

Im Mittelpunkt moderner Cybersecurity steht die Fähigkeit, Anomalien und Bedrohungslagen in Echtzeit zu erkennen und unmittelbar darauf reagieren zu können. Das gelingt nur, wenn die Sicherheitsbereiche nahtlos ineinandergreifen und ein Gesamtbild entsteht, das kritische Geschäftsprozesse auch in Stresssituationen schützt. Für Banken geht es daher nicht nur darum, die passenden Werkzeuge einzusetzen. Vielmehr müssen sie sicherstellen, dass diese Werkzeuge intelligent miteinander vernetzt sind und Bedrohungen ohne Zeitverzögerung automatisiert erkennen und sichtbar machen – nur so lassen sich Angriffe frühzeitig stoppen und operative Resilienz sichern.

Besonders deutlich wird die Bedeutung von Integration im Third-Party-Risk-Management. In einer Zeit, in der Banken und Versicherungen auf ein dichtes Netz von Dienstleistern und Providern angewiesen sind, ist es zwingend erforderlich, Verträge, technische Kontrollen und Notfallprozesse so zu gestalten, dass kritische Ausfälle schnell und eindeutig identifiziert werden und beherrschbar bleiben. Das kann nur gelingen, wenn sicherheitsrelevante Log-Informationen und Daten an die Security-Systeme der Finanzunternehmen angeschlossen werden – gestützt und strukturiert durch verbindliche Vorgaben und Service Level Agreements.

Die eigentliche Herausforderung für Banken liegt damit weniger in der Frage, ob sie in die richtigen Einzelbereiche investieren. Sie besteht vielmehr darin, ob sie diese Bereiche integriert steuern. Zwar verfügen die meisten Institute über Security Operation Center, IAM-Systeme oder Cloud-Sicherheitslösungen. Doch der Reifegrad dieser Ansätze ist oft zu gering, ihre Abdeckung lückenhaft und ihre Wirksamkeit begrenzt. Solange zentrale Komponenten isoliert agieren und grundlegende Fähigkeiten wie Incident Response oder Third-Party-Risk-Management nicht durchgängig etabliert sind, bestehen blinde Flecken – und damit Angriffsflächen, die gezielt ausgenutzt werden können. Entscheidend wird sein, das Zusammenspiel zu forcieren und ein konsistentes Sicherheitsökosystem aufzubauen, das konsequent auf Echtzeitfähigkeit ausgerichtet ist.

Hinzu kommt: klassische Abläufe bei der Bearbeitung von Vorfällen stoßen zunehmend an ihre Grenzen. Angriffe erfolgen heute mit einer Geschwindigkeit, die manuell kaum mehr zu bewältigen ist. Prozessautomatisierung wird daher zum Schlüsselfaktor. Die Orchestrierung über Plattformen wie ServiceNow beschleunigt nicht nur die operative Abarbeitung, sondern schafft zugleich revisionssichere Nachweise – zum Beispiel im Hinblick auf die Anforderungen der DORA-Verordnung. Damit wird Security endgültig zum Fundament für Resilienz und nachhaltigen Geschäftserfolg.

Auch der wirtschaftliche Druck bleibt ein Thema: Investitionen in Security müssen einen klaren Nutzen für den Geschäftsbetrieb erbringen – und sich gleichzeitig an regulatorischen Anforderungen messen lassen.

Orientierung an DORA – doch reguliert ist nicht gleich resilient

Vor diesem Hintergrund richten viele Institute ihre Sicherheitsinitiativen auch stark an der Regulatorik aus. Mit dem Inkrafttreten der DORA-Verordnung im Januar 2025 wurde ein formaler Meilenstein auf europäischer Ebene erreicht. Finanzunternehmen haben die Vorgaben teilweise termingerecht umgesetzt – der Blick in die Organisationen zeigt jedoch ernüchternde Lücken.

Themenschwerpunkte wie Identity and Access Management, Security Operations, Schwachstellenmanagement sowie die Absicherung von SaaS- und Cloud-Services sind zwar vorhanden, aber oft nicht miteinander integriert. Alarme werden erkannt, fließen jedoch nicht konsistent in steuerungsrelevante Entscheidungen ein. Die wachsende Abhängigkeit der Finanzunternehmen von Cloud-Anbietern und weiteren IKT-Drittanbietern verschärft die Lage, da kritische Prozesse teilweise außerhalb der direkten Kontrolle liegen.

Das ist den Instituten auch bewusst: Laut dem KPMG Cloud Monitor Financial Services 2025 initiieren das geopolitische Umfeld und das Thema digitale Souveränität aktuell bei 60 Prozent der Finanzdienstleister eine Revalidierung der Cloudstrategie und das Hinterfragen des aktuellen Partner-Ökosystems. Und ebenfalls sechs von zehn Finanzdienstleistern würden einen Aufpreis von mehr als 30 Prozent für souveräne Lösungen bezahlen – ein Beweis für die große Bedeutung des Themas.

Strategischer Imperativ – die aktive und zentrale Koordination von Cyberrisiken

Die organisatorische Verankerung des Themas Cybersicherheit reflektiert die Bedeutung von Cybersecurity jedoch oft nicht. Das Ziel der Cyberresilienz verlangt Durchsetzungsstärke, klare Verantwortlichkeiten und eine End-to-End-Perspektive. Die Realität sieht häufig anders aus: Einzelne Funktionen wie CRO, CIO oder CFO setzen ihre spezifischen Schwerpunkte, und eine übergreifende Koordination bleibt unzureichend. Dadurch entsteht leicht eine trügerische Sicherheit, die Schwachstellen überdeckt, statt sie zu beheben.

Gerade weil Cybervorfälle sich unmittelbar im operativen Geschäft auswirken – etwa durch eingeschränkte Kundenprozesse, den temporären Ausfall von Dienstleistungen oder den Verlust von Vertrauen – muss der CEO die Verantwortung und die Rolle eines „Resilience Officers“ übernehmen: als Koordinator, als Verantwortlicher und als Treiber einer integrierten Steuerung. Erst wenn er Cyberrisiken als strategisches Querschnittsthema begreift und die verschiedenen Sichtweisen im Unternehmen koordiniert und steuert, entsteht die notwendige Widerstandsfähigkeit.

 

Es ist klar: Technologie allein schützt nicht – klare Führung ist notwendig

Die Zukunft der Cybersecurity entscheidet sich weniger durch einzelne innovative Technologien, sondern vielmehr durch das Zusammenspiel von Menschen, Prozessen und technischen Lösungen. Der regulatorische Rahmen durch DORA setzt die Leitplanken. Security by Design bleibt das Grundprinzip. Ergänzt um Governance-Strukturen und physische Sicherheit, entsteht ein ganzheitliches Schutzkonzept. KI wird in diesem Gefüge eine wichtige Rolle übernehmen, ist jedoch nur ein Baustein in einer umfassenden Agenda.

Der CEO muss in die Verantwortung gehen und Cybersecurity als zentrales strategisches Thema aktiv koordinieren und im Unternehmen vorantreiben. Dabei muss ihm klar sein, dass Cybersecurity nicht länger als technisches Spezialthema und als Kostentreiber betrachtet werden darf. Sie entwickelt sich zu einem strategischen Kernfaktor, der über den Erfolg der digitalen Transformation und damit über Geschäftswert, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit des Instituts entscheidet.

 

 

Diese drei Punkte sind aus unserer Sicht besonders wichtig:
Kriminelle automatisieren ihre Cyberangriffe

Banken müssen ihre Abwehr hochfahren und noch effektiver gestalten. Phishing, Prompt Injection und Model Inversion sind nur einige der vielen Beispiele, die wir aktuell beobachten.

Das Potenzial von KI für die Cyberabwehr nutzen

Automatisierte Angriffe erfordern auch automatisierten Schutz. Aber Sicherheit entsteht nicht allein durch KI, sondern durch das Zusammenspiel aller sicherheitsrelevanten Disziplinen – vom Identity and Access Management über das Schwachstellenmanagement, die Security Operations und die Cloud-Absicherung bis hin zum Third-Party-Risk-Management.

Die KI-Revolution macht die Banken-IT noch komplexer

KI ist nur einer von vielen Punkten auf der Cybersicherheitsagenda – Regulatorik oder Cloud bleiben ebenfalls drängend und erfordern weitere Investitionen. Das Zusammenspiel der Systeme benötigt ein noch besseres Management, denn erfolgreiche Cybersicherheit fußt auf dem Zusammenspiel von Menschen, Prozessen und technischen Lösungen, getragen von einem ganzheitlichen Schutzkonzept.

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Christian Nern

Partner, Financial Services

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