Ein vorausschauendes Risikomanagement
Geopolitische Lagen und neue Risiken beherrschen
Die erfolgreiche Risikosteuerung in Banken befindet sich im Wandel, denn die globale Risikolandschaft hat sich grundlegend verändert: Aus isolierten Bedrohungen ist ein komplexes System vernetzter Unsicherheiten entstanden – geopolitische, technische und operative Disruptionen werden komplexer und ihr Eintreten wahrscheinlicher.
Geopolitische Risiken: immer vernetzter, immer weniger vorhersehbar
Der russische Angriff auf die Ukraine hat verdeutlicht, wie schnell und vielschichtig geopolitische Risiken heute wirken können – oft mit nachhaltigen Folgen: Binnen Tagen lösten 2022 Sanktionen, SWIFT-Ausschlüsse und Energiepreisschocks weitgehende Effekte aus – quer hinweg über Märkte und Lieferketten. Heute beschäftigen die Lage im Nahen Osten, die Situation an der NATO-Ostflanke, die Spannungen im Südchinesischen Meer sowie die US-Außenhandelspolitik die Risikomanagerinnen und Risikomanager intensiv.
Geopolitische Risiken wirken schneller, vernetzter und weniger vorhersehbar als in der Vergangenheit. Regionale Konflikte, Sanktionen oder politische Entscheidungen entfalten binnen Stunden globale Wirkung.
Disruptive Technologien – Treiber für Innovationen und Angriffsfläche zugleich
Parallel zu den geopolitischen Verschiebungen wirkt der technologische Wandel als Treiber von Chancen und Risiken gleichermaßen. Künstliche Intelligenz, Quantencomputing, Blockchain oder neue Datenplattformen eröffnen Banken völlig neue Möglichkeiten, Kundenbedürfnisse zu adressieren, Prozesse zu automatisieren und Effektivitätsgewinne zu realisieren.
Doch dieselben Technologien vergrößern die Angriffsflächen erheblich. KI-Modelle sind nicht nur leistungsfähig, sondern auch im Kern risikobehaftet: beispielsweise durch Manipulation, falsche Trainingsdaten oder unbekannten Bias im Modell. Blockchainbasierte Geschäftsmodelle werfen Fragen nach regulatorischer Einordnung, Compliance und Governance auf. Fortschritte im Quantencomputing bedrohen etablierte Verschlüsselungsverfahren, auf denen große Teile der Bankeninfrastruktur beruhen.
Damit sind disruptive Technologien kein Randthema der IT-Strategie mehr, sondern gehören ins Zentrum des Risikodialogs durchgängig bis zur Vorstandsebene. Sie sind der Motor der Transformation und bergen zugleich Bedrohungspotenzial. Daher verlangen sie nach einem Risikomanagement, das Innovationsdynamik und Resilienz gleichermaßen integriert.
Was einst als Zukunftsthema galt, ist heute strategischer Imperativ: Resilienz entscheidet über Wettbewerbsfähigkeit.
Durch die enge Vernetzung von Wirtschaft, Technologie und kritischer Infrastruktur entstehen dabei Kaskadeneffekte, die oft auf unerwarteten Wegen auftreten und wirken. Beispielsweise können großflächig Zahlungsdienstleistungen ausfallen – aufgrund einer Cyberattacke oder des Ausfalls eines Risikomanagementprozesses bei sensiblen Dienstleistern.
Klassische Risikosteuerungsmechanismen, die in einer Phase relativer Stabilität entwickelt wurden, kommen an ihre Grenzen und müssen ebenso angepasst werden, wie sich die Risikolandschaft und -dynamik verändert hat. Die Realität von heute verlangt ein robusteres Fundament: die Fähigkeit einer Organisation, Schocks nicht nur zu absorbieren, sondern sich unter Stressbedingungen anzupassen und handlungsfähig zu bleiben.
Resilienz bedeutet in der Praxis also weit mehr als Stabilität oder Krisenfestigkeit. Sie beschreibt die Fähigkeit, auf Unsicherheiten adäquat zu reagieren und Abhängigkeiten sowie Verwundbarkeiten frühzeitig zu erkennen. Zudem umfasst Resilienz die Gestaltung operativer, technologischer wie organisatorischer Strukturen, die es ermöglichen, Störungen zu kontrollieren, abzufedern und im Idealfall in Lern- und Anpassungsprozesse zu überführen.
Für Banken heißt das: Ein wirksames Risikomanagement darf nicht mehr ausschließlich retrospektiv oder compliancegetrieben agieren, sondern muss vorausschauend, adaptiv und funktionsübergreifend gedacht werden. Resilienz wird damit zum verbindenden Element zwischen Strategie, Governance, Technologie und operativem Geschäft – und somit zu einem zentralen Faktor für langfristige Wettbewerbsfähigkeit und Vertrauen.
Aus unserer Sicht sind die folgenden fünf Punkte entscheidend:
Stärkung der Risikoidentifikation
Risiken müssen heute früher und präziser erkannt werden. Das gelingt nur über eine hochfrequente, systematische Risikoidentifikation, die interne und externe Datenquellen intelligent verknüpft.
Szenariobasierte, vorausschauende Analyse
Angesichts zunehmender Unsicherheiten reicht ein rein statistischer Blick in den Rückspiegel nicht mehr aus. Ein Paradigmenwechsel vom statistischen zum disruptiven Denken ist erforderlich. Szenariobasierte Analysen müssen mögliche Schockereignisse und ihre Auswirkungen auf Geschäfts- und Betriebsmodelle antizipieren – nicht nur um zu reagieren, sondern um strategisch vorbereitet zu sein.
Anpassung der Governance
Eine resiliente Organisation braucht schnelle, strukturierte Entscheidungsprozesse. Dazu gehören klare Zuständigkeiten, transparente Eskalationsmechanismen und fest etablierte Verfahren beispielsweise für Lessons Learned, um Erfahrungen systematisch in Strukturen und Prozesse zu überführen.
Weiterentwicklung der Risikokultur
Resilienz entsteht nicht allein durch Methoden und Systeme, sondern durch gelebte Haltung. Durch unregelmäßiges „Finger-in-den-Wind-Halten“ auf allen Ebenen entlang aller Verteidigungslinien werden flexible Reaktionen auf Veränderungen in der Risikolandschaft gefördert. Risikoidentifikation ist dabei Aufgabe aller Mitarbeitenden – und nicht an einzelne Akteurinnen oder Akteure delegiert. Eine moderne Risikokultur versteht Identifikation, Bewertung und Steuerung von Risiken als Gemeinschaftsaufgabe und macht dieses Selbstverständnis zum festen Bestandteil der Organisation.
Integration in strategische Steuerung
Resilienz entfaltet ihre Wirkung nur, wenn sie nicht isoliert neben der Unternehmensstrategie steht, sondern integraler Bestandteil der strategischen Steuerung ist. Das bedeutet, dass Risikoinformationen aktiv in Planungs- und Investitionsentscheidungen einfließen, um Chancen und Bedrohungen ganzheitlich zu adressieren.
Der Emerging-Risk-Manager – die „eierlegende Wollmilchsau“?
Im Zentrum einer proaktiven, resilienten Risikosteuerung steht der Emerging-Risk-Manager als eine Schlüsselfunktion an der Schnittstelle von Strategie, Governance, Analyse und Kultur.
Er sorgt für den Aufbau und die Pflege eines hochfrequenten, datenbasierten Monitorings. Er verbindet interne und externe Informationsquellen, erkennt bereits schwache Signale und übersetzt sie in handlungsrelevante Erkenntnisse. Solide Daten und AI-gestützte Tools helfen ihm dabei die Informationen zu filtern und deren Relevanz initial zu bewerten.
In der szenariobasierten Analyse agiert er als Treiber des Paradigmenwechsels. Er unterstützt die Analysen und führt das relevante Know-how aus allen betroffenen Teilen der Organisation zusammen.
Durch seine Haltung und seine Fähigkeit, über die Silos hinweg zu agieren, ist er Katalysator und Multiplikator einer modernen Risikokultur.
Und nicht zuletzt bringt er Risikoperspektiven aktiv in die strategische Steuerung ein – indem er die Brücke zwischen operativem Monitoring und unternehmerischen Entscheidungen schlägt.
Er ist dabei keineswegs „Einzelkämpfer“ und auch nicht die „eierlegende Wollmilchsau“, sondern Teil eines integrierten Steuerungsmodells, das auf Vernetzung, Geschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit beruht. Grundlage für ein derart dynamisches Verfahren ist eine starke Governance. Sie bildet das Gegenstück zu einer starken Risikokultur und ermöglicht die notwendige Geschwindigkeit sowie bereichsübergreifende Zusammenarbeit. Das gelingt beispielsweise durch kurze Entscheidungswege, klar allokierte Verantwortlichkeiten, entscheidungsfähige und effektiv arbeitende Gremien sowie eine entsprechende Incentivierung der mittleren und oberen Führungsebene.
Darüber hinaus ist der Emerging-Risk-Manager eine Schlüsselrolle der Zukunft. Er ist nicht nur Bestandteil eines bestehenden Prozesses, sondern agiert als analytischer Enabler, der moderne Daten- und KI-basierte Werkzeuge zu nutzen und zu validieren versteht und innerhalb der Organisation um Expertenmeinungen und -sichten mehrwertstiftend ergänzt. Sein Mehrwert liegt nicht allein in der Interpretation von Risiken, sondern in der Fähigkeit, KI-gestützte Analysen kritisch zu hinterfragen, zu validieren und operativ nutzbar zu machen. Dies umfasst beispielsweise KI-basiertes Emerging-Risk-Monitoring – also die systematische und hochfrequente Identifikation und Priorisierung schwacher Signale aus großen, heterogenen Datenströmen – sowie gegebenenfalls auch KI-gestützte Impact-Analysen.
Ziel ist die initiale Bewertung der makroökonomischen oder finanzmarktrelevanten Konsequenzen, die ein Root Cause – etwa ein geopolitisches Ereignis oder eine technologische Disruption – auslösen kann. So ermöglicht der Emerging-Risk-Manager eine strukturierte Entscheidung über die Notwendigkeit von tiefergehenden Analysen unter Einbindung relevanter Experteninnen und Experten der gesamten Organisation.
Diese Aufgaben erfordern zugängliche, qualitativ hochwertige Daten, leistungsfähige Analyse-Tools und digitale Prozessunterstützung. Die Verfügbarkeit und Nutzbarkeit von Daten sowie die Beschleunigung von Analyseprozessen innerhalb der Organisation werden damit zu entscheidenden Treibern für die Effektivität des Emerging-Risk-Managers.
Folgerichtig sind die weitere Digitalisierung der Risikosteuerung und die Steigerung der Prozesseffizienz ein wesentliches Fundament für diese Rolle. Nur wenn Technologien, Datenstrukturen und Entscheidungsprozesse eng verzahnt sind, kann der Emerging-Risk-Manager seine Funktion als frühzeitiger Impulsgeber, strategischer Sparringspartner und Brückenbauer zwischen Risikomanagement, Technologie und Unternehmensstrategie voll entfalten.
Diese drei Punkte sind aus unserer Sicht besonders wichtig:
Traditionelle Risikomanagement-Methoden sind an ihre Grenzen gelangt
Das neue Risikomanagement muss vorausschauend handeln, agil und schnell sein. Echtzeitanalysen und szenariobasierte Analysekapazitäten werden dabei zum entscheidenden Erfolgsfaktor, um schwache Signale frühzeitig zu erkennen, zu priorisieren und fundiert zu bewerten. Nur wer Risiken antizipiert, kann rechtzeitig reagieren – und nicht erst, wenn sie bereits eingetreten sind.
Benötigt wird ein neues Mindset
Der Emerging-Risk-Manager fungiert als Schnittstelle zwischen den Bereichen der Bank, denkt vernetzt und übersetzt komplexe Szenarien in klare Handlungsoptionen. Wer die Rolle ausfüllt, ist Schlüsselfigur und Aktivposten, bricht Silos auf, bringt die Perspektiven und Expertisen der Organisation zusammen und macht Zusammenhänge sichtbar – damit schnelle, informierte Entscheidungen möglich werden.
Gute Daten und effiziente Prozesse sind der Schlüssel
Resilienz entsteht nicht allein durch neue Methoden, sondern durch verlässliche, qualitativ hochwertige Daten und effiziente Analyse- und Entscheidungsprozesse. Nur wenn Daten schnell verfügbar, strukturiert und anschlussfähig sind, können Analyseergebnisse rechtzeitig in strategische Entscheidungen überführt werden. Moderne Technologien wirken dabei als Enabler, indem sie Datenintegration, Szenarioanalysen und Auswertungen beschleunigen und auf eine belastbare Basis stellen.

Dr. Arvind Sarin
Partner, Financial Services

Stefan Lell
Senior Manager, Financial Services
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